Von der Heilkraft der Kunst

 

 

 

Walter Raum als bedeutendster Maler Hersbrucks gewürdigt – Ausstellung im Kunstmuseum Hersbruck eröffnet

 

 

 

 „Hersbruck kann auf seinen großen Sohn stolz sein!“ - Professor Werner Knaupp, Freund der Familie und profunder Kenner der Kunst Walter Raums machte klar, welche Ehre es sei, dass „ein außergewöhnlicher, großartiger, international erfolgreicher Künstler mit seinen Werken zu seinen Wurzeln, seinem Geburtsort Hersbruck zurückkehrt.“ Eine thematisch zusammengehörende Werkgruppe, die „Wund-Bilder“ sind bis 14. Februar im Kunstmuseum Hersbruck zu sehen.

 

 

 

Sich den Eindrücken dieser Bilder zu entziehen, ist unmöglich. Dicht an dicht gehängt in den zwei kleinen Ausstellungsräumen des Kunstmuseums am Spitaltor, sind die großformatigen Arbeiten auf Papier von drei Farben bestimmt: Schwarz, Weiß und ein leuchtendes Rot, das für den Lebenssaft, das Blut, steht und in den als archaische Torsi angelegten Körpern kraftvoll pulsiert oder unbarmherzig durch grob genähte Wunden versickert. Mit Strichen, die mit lang zurückgehaltener Energie aufgeladen sind, fetzte Walter Raum die Pinsel- und Kreidestriche aufs Papier, verdichtete sie zu schweren Körpergebilden oder ließ sie flirrend im Hintergrund vibrieren. Dem Betrachter im Kunstmuseum vermittelt die kraftvolle Malerei die Wucht der Erlebnisse, die hinter dieser Kunst steckt.

 

 

 

„Als 18-Jährigem, wo andere spätestens die Liebe entdecken, wurde Walter Raum (1923 bis 2009) eine sichtbar zu große Uniform übergestülpt und er musste von heute auf morgen lernen, im Ernstfall als Erster zu schießen.“ Werner Knaupp, ehemaliger Professor an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, zeichnet ein deutliches Bild der Schrecken des zweiten Weltkrieges, die den jungen Walter Raum ein Leben lang nicht losließen. Deswegen, so Knaupp, seien die „Wund-Bilder auch „ keine blutrünstigen, sensationsheischenden Illustrationen, nein, da gingen erlittene, unvorstellbare, unmenschliche Grausamkeiten voraus!“

 

Werner Knaupp weiß, wovon er spricht. Einerseits hat sich ihm der enge Freund und Kollege Walter Raum in ihren Begegnungen als einem der wenigen Menschen in seinem Leben anvertraut, andererseits setzt sich auch Knaupp in seinem Werk mit den Grenzsituationen menschlicher Existenz auseinander. Der Beginn ihrer Freundschaft fällt in die Zeit der 1980er Jahre, als , „einem gewaltigen Vulkanausbruch gleichend“, die Serie der Wund-Bilder aus Raum herausbrach und sich innerhalb eines Jahres in 100 Arbeiten entlud. Damals verspürte Walter Raum die heilende Wirkung der Kunst, versicherte sich im Malprozess seiner eigenen Existenz und verspürte sogar Glück in seinem Arbeiten.

 

Das alles ist keine leichte Kost. Die Last der Erinnerungen, denen Walter Raum nicht mehr ausweichen konnte und wollte und die er in die ausgestellten Bilder packte, ist kein leicht zu konsumierendes Feierabendhäppchen. Das haben laut Werner Knaupp zu Lebzeiten Raums ihm auch etliche Kunstinteressierte gesagt.

 

Doch wer sehen möchte, wie sich in schonungsloser Ehrlichkeit ein Maler den Traumata seines Lebens stellt, welche zeitlose Energie in den Arbeiten gespeichert ist und wie kreatives Schaffen als Katalysator wirken kann, der sollte sich diese Ausstellung ansehen. „Wenn ich male, bin ich!“, hat Walter Raum gesagt. Das ist in dieser Werkschau spürbar. In einer Vitrine ergänzen schriftliche, zeichnerische und fotografische Zeugnisse aus Walter Raums frühen Jahren das Bild.

 

 

 

Walter Raums Witwe Christine und sein Sohn Tobias waren aus dem Münchener Raum angereist und die stellvertretende Landrätin Gabriele Drechsler ließ es sich nicht nehmen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Ebenso HZ-Verlegerin Ursula Pfeiffer, die 2019 auf die vorausgegangene Ausstellung Raums in München aufmerksam gemacht hatte und Künstlerseelsorger Hans-Peter Weigel aus Bamberg. Museumsleiter Uli Olpp konnte außerdem zahlreiche kunstinteressierte Gäste – coronabedingt mit Maske und im Freien – begrüßen.

 

 

 

 

 

Die Aussstellung ist abzüglich einer Winterpause (21. 12. 2020 bis 12.01.2021) bis zum 14. Februar im Kunstmuseum in der Amberger Straße 2 in Hersbruck statt. Jeweils 4 Personen dürfen mit Gesichtsmaske gleichzeitig in den Räumen sein.

 

Wegen möglicher kurzfristiger Änderungen vergewissern Sie sich bitte vor Ihrem Besuch auf der Homepage des Kunstmuseums www.kunstmuseum-hersbruck.de .

 

 

 

Foto Ute Scharrer: Würdigte einen guten Freund und großen Künstler: Werner Knaupp hielt die Laudatio zu Walter Raums Werken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesen Sie hier die Rede von Werner Knaupp in Gänze:

 

Rede von Werner Knaupp, 1. Oktober 2020

 

 

 

Keine Sorge, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Aber ich habe das Bedürfnis - und glauben Sie mir, es ist für mich nicht einfach heute. Liebe Christine, lieber Tobias, meine sehr geehrten Damen und Herren: ein außergewöhnlicher, großartiger, international erfolgreicher Künstler kehrt mit seinen Werken zu seinen Wurzeln, seinem Geburtsort Hersbruck zurück. Walter Raum ist wohl der bedeutendste Maler, den die Stadt je hervorgebracht hat. Hersbruck kann auf seinen großen Sohn stolz sein. Das muss gefeiert werden!

 

 

Nun zur Ausstellung:

 

Zunächst dachte ich: „Wie will denn die Stadt platzmäßig diesem facettenreichen Werk von Walter Raum eigentlich gerecht werden? Doch sein Sohn Tobias Raum, als Kurator tätig, hatte die hervorragende Idee, sich nur auf eine Werkgruppe zu konzentrieren: die Wund-Bilder. Das sind keine blutrünstigen, sensationsheischenden Illustrationen, Nein, da gingen erlittene, unvorstellbare, unmenschliche Grausamkeiten voraus. Stellen Sie sich doch einmal vor: 1941, mit 18 Jahren, wo andere spätestens die Liebe entdecken, wurde ihm eine sichtbar zu große Uniform übergestülpt und er musste von heute auf morgen lernen, im Ernstfall als Erster zu schießen – sonst bist Du tot. Das hatte der junge Walter sich damals bestimmt nicht erträumt. Schwer verwundet kehrte er nach dem Kriege in das fast völlig zerstörte Land zurück und musste noch damit fertig werden, dass sein Bruder kurz vor Kriegsende ermordet wurde. Das war unerträglich.

 

 

Viele gleichaltrige Kriegsheimkehrer verdrängten all die schrecklichen Erlebnisse, oft ein Leben lang.

 

Walter Raum aber stellte sich und begann zu malen. Er spürte instinktiv, und ich weiß, wovon ich rede, die Heilkraft der Kunst. Seine ganze Verzweiflung, sein ständiges Suchen nach dem Sinn des Lebens - „Wozu das alles?“ - und immer die gespürte Ohnmacht und den Abgrund vor Augen. Das war sein Thema 40 Jahre lang und wurde in seinen Bildern auch vielfältig sichtbar. Bis eines Tages, es war 1981, der innere Druck so groß wurde - und gleich einem gewaltigen Vulkanausbruch sind die Wund-Bilder in einem Jahr entstanden.

 

Diese Bilder hängen jetzt hier hinter mir in diesem kleinen Anbau, hervorragend gehängt von Thomas Raum zusammen mit Uli Olpp. Sie werden selbst sehen, in den zwei kleinen, engen Räumen entwickeln diese Blutbilder solch eine Wucht, dass sich niemand entziehen kann.

 

 

Mag ja sein, dass das für den einen oder anderen schwer zu ertragen ist, aber so ist das Leben.

 

Als Walter und ich uns Anfang der 80-er Jahre das erste Mal begegneten, erlebte ich einen freundlichen, interessierten und hilfsbereiten Kollegen. Ich war überrascht. Hat doch sonst in unserer Branche der pure Neid allzu oft regiert. Die Chemie zwischen uns stimmte sofort und wir wurden bald enge Freunde. Einerseits geprägt von geistiger Nähe, andererseits spürten wir natürlich auch die Notwendigkeit einer äußeren Distance. Denn jeder von uns musste in seiner eigenen Kunst seinen eigenen Weg finden. Walter Raum sagte mir damals, er könne und wolle der ganzen Last seiner Erinnerungen nicht ausweichen. Und nur beim Malen könne er all diese Scheußlichkeiten verarbeiten, und Kunst mache ihn auch glücklich. Er sagte mir: „ Wenn ich male, dann bin ich!“, und er sagte auch, er male eigentlich gegen den Tod. Ich entgegnete ihm: „Ich male mit dem Tod!“. Es sei sinnlos, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, denn es gibt keine Antwort. Für mich galt und gilt, dass in der Natur nichts verloren geht, alles ist Energieumwandlung und damit ist für mich auch der Moment des Sterbens der spannendste Augenblick des Lebens, des ganzen Lebens!

 

Diese Aussagen waren oft der Zündstoff für stundenlange Diskussionen. Entweder in seinem oder in meinem Atelier oder auch beim Wandern. Ich erinnere mich noch sehr sehr gut: wir waren unterwegs um den halben Walchensee und gut zwei Stunden hatte er ununterbrochen geredet ohne Punkt und Komma. Und 95 Prozent davon war der Krieg. Ich erinnere mich auch, wie er sagte, unzählige Male musste er das hören von Sammlern und Leuten, die seine Bilder betrachteten: „ Die Welt ist grausam, ich muss den ganzen Tag arbeiten und wenn ich abends nach Hause komme, dann möchte ich meine Ruhe haben! Und da passen Ihre Werke nicht mehr.“

 

 

Aber was machen diese Leute, die das sagen? Die setzen sich am Abend auf das Sofa vor den Fernseher, hören die Nachrichten, die Grausamkeiten der ganzen Welt und wenn möglich, packen sie noch hinterher einen Krimi drauf.

 

Und da ist dann der entscheidende Punkt von der Kunst des Walter Raum. Jeder spürt instinktiv die Authentizität, die Ehrlichkeit, das Erlebnis. Und ich weiß nicht, ob all diese Leute dann nicht merken, dass die politischen Nachrichten ja immer manipuliert sind und ganz gleich, was sie sehen, immer aus zweiter Hand ist. Es hieß dann, Walter Raum wurde im Alter ruhiger. Das stimmt aber nicht! Er wurde sogar noch radikaler und zog sich ganz in sein Atelier zurück. Er suchte die totale Einsamkeit, die völlige Konzentration auf sein Werk. Er spürte natürlich auch, wie die Physis allmählich wegbrach. Trotzdem entstanden die großartigen Materialbilder, das waren riesige Formate, die er ganz auf sich bezogen bis zu seinem Lebensende malte. Walter Raum war im Grunde eine stille, ernste und große Persönlichkeit. Er war hart zu sich selbst und unbeugsam bis zu seinem Tod. Ja, ich bin stolz, heute hier zu stehen, um an ihn zu erinnern. Zum Schluß möchte ich Ihnen das von seinem Sohn herausgebrachte Buch „Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür und Walter Raum, Wund-Bilder“ empfehlen, das in Wort und Bild die besondere Beziehung Walter Raums zu Wolfgang Borchert sichtbar macht. Dieses Buch zeigt ein höchst spanendes Aufeinandertreffen von Bild und Wort. E liegt in der Ausstellung zum Verkauf aus.

 

 

 

Ich danke Ihnen.

 

 

 

Eruption als Ende der Sprachlosigkeit

 

 

 

Wund-Bilder des Malers Walter Raum endlich in seinem Heimatort zu sehen- Einführung von Professor Werner Knaupp

 

 

 

40 Jahre der Sprachlosigkeit über die im zweiten Weltkrieg erlittenen Schrecken – dann entluden sich die Eindrücke des erfolgreichen Malers Walter Raum (1923 bis 2009) in den 1980er Jahren im Werkzyklus der „Wund-Bilder“. In nur einem Jahr entstanden 100 Gemälde, die dem Gestalt verliehen, was Walter Raum in Worte nicht fassen konnte oder wollte. Die „Wund-Bilder“ sind düster, Kohle und schwarze Farbe verdichten sich zu hoch aufragenden Torsi oder Körperteilen, aus denen in kraftvollem Rot Blut quillt, Symbol des Leidens wie des Lebens gleichermaßen. Die Wund-Bilder des Malers, der bereits 1958 auf der Biennale in Venedig ausgestellt hatte, waren 2019 in München nahe seiner späteren Heimat zu sehen. Nun reisen sie nach Hersbruck, der Geburtsstadt des Informel-Künstlers. Im Kunstmuseum Hersbruck sind sie von 1. Oktober bis 14. Februar zu sehen. Zur Eröffnung am 1. Oktober um 19 Uhr spricht der Maler Werner Knaupp, der sich in seinem Werk ebenfalls mit menschlichen Grenzsituationen auseinander gesetzt hat. Ebenfalls zu sehen und erwerben ist die 2018 neu aufgelegte Version von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ mit Raums Gemälden.

 

 

 

Die Vernissage findet unter Corona-Auflagen im Freien vor dem Museum in der Amberger Straße 2 in Hersbruck statt.

 

 

 

AUSSTELLUNG vom 01.10. – 20.12.2020 und nach der Winterpause vom 13.01. – 14.02.2021

 

GEÖFFNET MI, DO, FR, SA 15 – 18 Uhr und SO 14 – 18 Uhr // Wegen möglicher kurzfristiger Änderungen vergewissern Sie sich bitte vor Ihrem Besuch auf unserer Homepage!

 

 

 

 

 

 

Der Kunstspaziergang war ein voller Erfolg- hier noch ein paar Fotos

In den Kurzmeldungen der Frankenschau wird der Hersbrucker Kunstspaziergang gegen Ende kurz erwähnt!

https://www.br.de/mediathek/video/franken-kompakt-die-meldungen-vom-6-august-av:5f2c4283232143001429160a


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