Unter dem Hammer

„80 Euro zum ersten, zum zweiten - und 80 Euro zum Dritten!“ Mit einem hörbaren Krachen lässt Christoph Gerling den Hammer aufs Holz sausen und ein weiteres Originalkunstwerk hat den Besitzer gewechselt. Zugunsten der Druckkosten des hochwertigen Katalogs, der begleitend zur Freiluftausstellung „Kunst im Fluss“ im August 2021 erscheinen wird und zwei Jahre umspannen soll, kommen in der Scheune des Hirtenmuseums 37 Originale, Drucke, kleine Skulpturen und Fotoarbeiten regionaler Künstler unter den Hammer.

 

Die „Kunst-Auktion zugunsten einer Kunst-Aktion“ ist in vollem Gange. Auktion möchte die Versteigerung aber nicht genannt werden, denn niemand hier will Sotheby`s und Christie`s Konkurrenz machen. „Dies ist eine Performance, ein Kunstereignis!“, erklärt Kunst im Fluss-Initiator Christoph Gerling. „Du bist die Kunst, ich bin das Ereignis!“, stellt seine Co-Auktionatorin Carola Hoffmann klar, bevor sie, das Outfit ganz auf das kulturelle Highlight zugeschnitten, ein Werk nach dem anderen nach vorne ins Rampenlicht trägt. Die Vorsitzende des Wirtschaftsforums steht für die gute Sache da und bringt Esprit und Wortwitz mit.

Trotzdem: viel zu wenige Kauflustige haben sich an diesem Abend ins Hirtenmuseum gewagt, dabei sind die Hersbrucker eigentlich ein versteigerungsfreudiges Völkchen: legendär, wie Helmut Roy im Posthof liegengebliebene Fundbüro-Reliquien an den Mann und die Frau brachte und auch der „Markt der langen Gesichter“ mit der Versteigerung ungeliebter Weihnachtsgeschenke ist in Hersbruck fest etabliert. Doch dies ist nun tatsächlich die erste Kunst-Versteigerung in Hersbruck, wie Hirtenmuseums-Leiterin Ingrid Pflaum in ihrer Begrüßung ankündigt. Scheu vor zu hohen Preisen hätte die Kaufwilligen nicht abschrecken sollen: fachkundig und kundenfreundlich setzt Christoph Gerling einen Anfangspreis fest , der sich zwischen meist 30 und maximal 150 Euro bewegt und dann wird der Preis eifrig hochgetrieben. Die Stimmung ist entspannt und heiter, die Werke der regionalen Künstler vielseitig und spannend. Arbeiten kommen von Kunstschaffenden, deren Namen im Hersbrucker Umfeld lang bekannt sind: Nora Matocza, Walter Plank, die Mitglieder der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte, Barbara Henning, Inge Bärbel Drexel und Gerhard Meingast. Ebenso gratis eine oder mehrere Arbeit zur Verfügung gestellt haben Reiner Zitta aus Pühlheim und Walter Bauer, Gerhard Steinle und Thomas May aus Nürnberg. 

Die Anwesenden sind gar nicht so enttäuscht, dass die Konkurrenz der Kaufwilligen nicht übermächtig ist, denn so ergibt sich die Chance auf Schnäppchen auch überregional agierender Künstler weit unter ihrem sonstigen Marktpreis: eine Kunstharz-Scheibe von Harald Pompl aus Altdorf ist auf einmal ebenso erschwinglich wie die „Goldene Maske“ von Hubertus Hess, eine hübsch gefältelte, signierte und nummerierte „Corona-Maske“ aus Stahl und Messing. Reiner Zittas Votivfiguren mit den Titeln „er hilft, der Oberpfälzer großäugige Spindelkopf“ und „Ötzis Dank“ gelten als begehrte Sammlerstücke und sind hier mehr als preis-wert. Sehr schöne StudentInnenarbeiten aus den Zeiten von Gerlings Tätigkeit als Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg finden Liebhaber. Als drei Siebdrucke mit floralen Motiven von Gerling selbst angeboten werden, heizt sich die Geschwindigkeit der Gebote merklich auf. Eine Käuferin möchte drei der Blumenbilder als Serie haben und das gelingt ihr auch, indem sie die Konkurrenz hartnäckig überbietet. Ein verhaltenes „Juchhu“ erklingt aus den hinteren Reihen, als jemand ein besonders heiß ersehnter Kauf gelingt. 

Christoph Gerling hat zu jedem Objekt eine Anekdote, kennt die Kunstschaffenden, kann einiges zu Techniken und Inhalten erzählen und macht so die Arbeiten schmackhaft. Da lassen sich auch die TeilnehmerInnen von Kunst im Fluss nicht lumpen und ersteigern eifrig Kolleginnenarbeiten. Eine edle, rechteckige Schale aus Jurakalk von Uli Olpp wechselt auf diese Weise den Besitzer, schwarz-weiße Drucke chaotisch ineinander gestapelter Stühle von Woldemar Fuhrmann finden ein neues Heim und Carola Hoffmann ersteigert sich, so gut das mit einer freien Hand eben geht, die Figur „Junge Aktivistin“ von Andreas Hauter, die sie mit der anderen Hand darbietet.

 

„Das gibt´s nur einmal, das kommt nie wieder!“, scherzt Christoph Gerling, als er ein Werk „loswerden“ will. Tatsache ist: es kommt doch wieder, wenn diese Versteigerung im kommenden Jahr in die zweite Runde geht: dann hoffentlich mit mehr Zuspruch aus den Reihen der eigentlich so kunstfreudigen Hersbrucker, mit neuen Werken und mit ein paar besonders schönen, die diesmal noch keine neuen Besitzer gefunden hat.

Über 2000 Euro für den Druck des Katalogs kamen zusammen, als schlußendlich in bewährter Manier das Bargeld gehäufelt wurde. Glückliche neue Kunstbesitzer stießen derweil im Hof des „Espan“ auf ihre Käufe an.

 

+++ 30.07.2021 // Deutsches Hirtenmuseum Hersbruck KUNSTAUKTION MIT CHRISTOPH GERLING ZU GUNSTEN VON KUNST IM FLUSS 2021

 

Eine Versteigerung zu Gunsten des Projektes Kunst im Fluss 2021 findet statt

im Deutschen Hirtenmuseum Hersbruck am 30. Juli um 19/20 Uhr 

 

Es wird ein neues Kunsterlebnis in Hersbruck geben, dem Zentrum für Bildende Kunst im Nürnberger Land, wie immer wieder gerne zu hören ist. 

Arbeiten der Bildenden Kunst wie Malerei, Grafik und Objekte von namhaften Künstler*innen aus der Region und darüber hinaus kommen unter der Regie von Künstler Christoph Gerling

unter den Hammer.  

Veranstalter ist das Kunstmuseum Hersbruck, denn der Erlös der Auktion fließt in das von Gerling initiierte Projekt „Kunst im Fluss“, das vom 13. bis 22. August 2021 das dritte Mal in Hersbruck an der Pegnitz stattfindet. 

 

Eine Vorbesichtigung der Arbeiten ist in der Scheune des Museums ab 19 Uhr möglich, die Versteigerung selbst beginnt dann um 20 Uhr.

 

 

 

Deutsches Hirtenmuseum Hersbruck, Eisenhüttlein 7, 91217 Hersbruck

Tel. 09151/2161, www.deutsches-hirtenmuseum.de

 

Öffnungszeiten: Sa. + So. 10.00 – 16.00 Uhr

Bürozeiten: Do. – Sa. 10.00 – 16.00 Uhr

 

Aufruf für Kunstschaffende:

Über die an KUNST IM FLUSS 2021 beteiligten KünstlerInnen hinaus bietet die Versteigerung auch weiteren KünstlerInnen die Möglichkeit, freiwillig eine kleinere Arbeit oder einen Druck zu platzieren und einem kunstsinnigen Publikum vorzustellen. Wir versuchen über diese Finanzierungsidee solche Veranstaltungen unabhängiger von öffentlichen Geldern zu machen. So stellen wir uns vor, 2022 wieder einen KUNSTSPAZIERGANG für alle Kunstschaffenden der Region anzubieten. Wenn die Versteigerung ein Erfolg wird, könnten wir diese Art der Mittelgewinnung vielleicht wiederholen.
Wer sehen will, wie sein oder ihr Werk in einer öffentlichen Versteigerung unter den Hammer kommt, kann sein/ihr Werk am Tag vor der Auktion Donnerstag, den 29. Juli 2021 von 10-16 Uhr im Hirtenmuseum abgeben. Alle Interessierten sind sowieso zur Auktion herzlich eingeladen. Die Versteigerung findet am Abend des 30. Juli ab 20 Uhr (Vorbesichtigung ab 19 Uhr) unter den zu diesem Zeitpunkt gültigen allgemeinen Coronabestimmungen statt.

Das Team des Kunstmuseums Hersbruck trauert um Vittore Bocchetta, der im Alter von 102 Jahren in seiner Heimat in Bologna verstorben ist. 2019 durften wir anlässlich seines 100. Geburtstages eine Ausstellung seiner Werke im Kunstmuseum realisieren und Vittore Bocchetta hatte sich mit einer hellwachen Videobotschaft zugeschaltet.

Sein wacher Geist, sein Mühen um Versöhnung, sein Wirken als Zeitzeuge und sein Kunstschaffen wird uns fehlen.

UNTER DEM REITER "ÜBERFLUSS" FINDEN SIE ALLE WERKE DER MITGLIEDERAUSSTELLUNG

 

Von der Heilkraft der Kunst

 

 

 

Walter Raum als bedeutendster Maler Hersbrucks gewürdigt – Ausstellung im Kunstmuseum Hersbruck eröffnet

 

 

 

 „Hersbruck kann auf seinen großen Sohn stolz sein!“ - Professor Werner Knaupp, Freund der Familie und profunder Kenner der Kunst Walter Raums machte klar, welche Ehre es sei, dass „ein außergewöhnlicher, großartiger, international erfolgreicher Künstler mit seinen Werken zu seinen Wurzeln, seinem Geburtsort Hersbruck zurückkehrt.“ Eine thematisch zusammengehörende Werkgruppe, die „Wund-Bilder“ sind bis 14. Februar im Kunstmuseum Hersbruck zu sehen.

 

 

 

Sich den Eindrücken dieser Bilder zu entziehen, ist unmöglich. Dicht an dicht gehängt in den zwei kleinen Ausstellungsräumen des Kunstmuseums am Spitaltor, sind die großformatigen Arbeiten auf Papier von drei Farben bestimmt: Schwarz, Weiß und ein leuchtendes Rot, das für den Lebenssaft, das Blut, steht und in den als archaische Torsi angelegten Körpern kraftvoll pulsiert oder unbarmherzig durch grob genähte Wunden versickert. Mit Strichen, die mit lang zurückgehaltener Energie aufgeladen sind, fetzte Walter Raum die Pinsel- und Kreidestriche aufs Papier, verdichtete sie zu schweren Körpergebilden oder ließ sie flirrend im Hintergrund vibrieren. Dem Betrachter im Kunstmuseum vermittelt die kraftvolle Malerei die Wucht der Erlebnisse, die hinter dieser Kunst steckt.

 

 

 

„Als 18-Jährigem, wo andere spätestens die Liebe entdecken, wurde Walter Raum (1923 bis 2009) eine sichtbar zu große Uniform übergestülpt und er musste von heute auf morgen lernen, im Ernstfall als Erster zu schießen.“ Werner Knaupp, ehemaliger Professor an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, zeichnet ein deutliches Bild der Schrecken des zweiten Weltkrieges, die den jungen Walter Raum ein Leben lang nicht losließen. Deswegen, so Knaupp, seien die „Wund-Bilder auch „ keine blutrünstigen, sensationsheischenden Illustrationen, nein, da gingen erlittene, unvorstellbare, unmenschliche Grausamkeiten voraus!“

 

Werner Knaupp weiß, wovon er spricht. Einerseits hat sich ihm der enge Freund und Kollege Walter Raum in ihren Begegnungen als einem der wenigen Menschen in seinem Leben anvertraut, andererseits setzt sich auch Knaupp in seinem Werk mit den Grenzsituationen menschlicher Existenz auseinander. Der Beginn ihrer Freundschaft fällt in die Zeit der 1980er Jahre, als , „einem gewaltigen Vulkanausbruch gleichend“, die Serie der Wund-Bilder aus Raum herausbrach und sich innerhalb eines Jahres in 100 Arbeiten entlud. Damals verspürte Walter Raum die heilende Wirkung der Kunst, versicherte sich im Malprozess seiner eigenen Existenz und verspürte sogar Glück in seinem Arbeiten.

 

Das alles ist keine leichte Kost. Die Last der Erinnerungen, denen Walter Raum nicht mehr ausweichen konnte und wollte und die er in die ausgestellten Bilder packte, ist kein leicht zu konsumierendes Feierabendhäppchen. Das haben laut Werner Knaupp zu Lebzeiten Raums ihm auch etliche Kunstinteressierte gesagt.

 

Doch wer sehen möchte, wie sich in schonungsloser Ehrlichkeit ein Maler den Traumata seines Lebens stellt, welche zeitlose Energie in den Arbeiten gespeichert ist und wie kreatives Schaffen als Katalysator wirken kann, der sollte sich diese Ausstellung ansehen. „Wenn ich male, bin ich!“, hat Walter Raum gesagt. Das ist in dieser Werkschau spürbar. In einer Vitrine ergänzen schriftliche, zeichnerische und fotografische Zeugnisse aus Walter Raums frühen Jahren das Bild.

 

 

 

Walter Raums Witwe Christine und sein Sohn Tobias waren aus dem Münchener Raum angereist und die stellvertretende Landrätin Gabriele Drechsler ließ es sich nicht nehmen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Ebenso HZ-Verlegerin Ursula Pfeiffer, die 2019 auf die vorausgegangene Ausstellung Raums in München aufmerksam gemacht hatte und Künstlerseelsorger Hans-Peter Weigel aus Bamberg. Museumsleiter Uli Olpp konnte außerdem zahlreiche kunstinteressierte Gäste – coronabedingt mit Maske und im Freien – begrüßen.

 

 

 

 

 

Die Aussstellung ist abzüglich einer Winterpause (21. 12. 2020 bis 12.01.2021) bis zum 14. Februar im Kunstmuseum in der Amberger Straße 2 in Hersbruck statt. Jeweils 4 Personen dürfen mit Gesichtsmaske gleichzeitig in den Räumen sein.

 

Wegen möglicher kurzfristiger Änderungen vergewissern Sie sich bitte vor Ihrem Besuch auf der Homepage des Kunstmuseums www.kunstmuseum-hersbruck.de .

 

 

 

Foto Ute Scharrer: Würdigte einen guten Freund und großen Künstler: Werner Knaupp hielt die Laudatio zu Walter Raums Werken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesen Sie hier die Rede von Werner Knaupp in Gänze:

 

Rede von Werner Knaupp, 1. Oktober 2020

 

 

 

Keine Sorge, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Aber ich habe das Bedürfnis - und glauben Sie mir, es ist für mich nicht einfach heute. Liebe Christine, lieber Tobias, meine sehr geehrten Damen und Herren: ein außergewöhnlicher, großartiger, international erfolgreicher Künstler kehrt mit seinen Werken zu seinen Wurzeln, seinem Geburtsort Hersbruck zurück. Walter Raum ist wohl der bedeutendste Maler, den die Stadt je hervorgebracht hat. Hersbruck kann auf seinen großen Sohn stolz sein. Das muss gefeiert werden!

 

 

Nun zur Ausstellung:

 

Zunächst dachte ich: „Wie will denn die Stadt platzmäßig diesem facettenreichen Werk von Walter Raum eigentlich gerecht werden? Doch sein Sohn Tobias Raum, als Kurator tätig, hatte die hervorragende Idee, sich nur auf eine Werkgruppe zu konzentrieren: die Wund-Bilder. Das sind keine blutrünstigen, sensationsheischenden Illustrationen, Nein, da gingen erlittene, unvorstellbare, unmenschliche Grausamkeiten voraus. Stellen Sie sich doch einmal vor: 1941, mit 18 Jahren, wo andere spätestens die Liebe entdecken, wurde ihm eine sichtbar zu große Uniform übergestülpt und er musste von heute auf morgen lernen, im Ernstfall als Erster zu schießen – sonst bist Du tot. Das hatte der junge Walter sich damals bestimmt nicht erträumt. Schwer verwundet kehrte er nach dem Kriege in das fast völlig zerstörte Land zurück und musste noch damit fertig werden, dass sein Bruder kurz vor Kriegsende ermordet wurde. Das war unerträglich.

 

 

Viele gleichaltrige Kriegsheimkehrer verdrängten all die schrecklichen Erlebnisse, oft ein Leben lang.

 

Walter Raum aber stellte sich und begann zu malen. Er spürte instinktiv, und ich weiß, wovon ich rede, die Heilkraft der Kunst. Seine ganze Verzweiflung, sein ständiges Suchen nach dem Sinn des Lebens - „Wozu das alles?“ - und immer die gespürte Ohnmacht und den Abgrund vor Augen. Das war sein Thema 40 Jahre lang und wurde in seinen Bildern auch vielfältig sichtbar. Bis eines Tages, es war 1981, der innere Druck so groß wurde - und gleich einem gewaltigen Vulkanausbruch sind die Wund-Bilder in einem Jahr entstanden.

 

Diese Bilder hängen jetzt hier hinter mir in diesem kleinen Anbau, hervorragend gehängt von Thomas Raum zusammen mit Uli Olpp. Sie werden selbst sehen, in den zwei kleinen, engen Räumen entwickeln diese Blutbilder solch eine Wucht, dass sich niemand entziehen kann.

 

 

Mag ja sein, dass das für den einen oder anderen schwer zu ertragen ist, aber so ist das Leben.

 

Als Walter und ich uns Anfang der 80-er Jahre das erste Mal begegneten, erlebte ich einen freundlichen, interessierten und hilfsbereiten Kollegen. Ich war überrascht. Hat doch sonst in unserer Branche der pure Neid allzu oft regiert. Die Chemie zwischen uns stimmte sofort und wir wurden bald enge Freunde. Einerseits geprägt von geistiger Nähe, andererseits spürten wir natürlich auch die Notwendigkeit einer äußeren Distance. Denn jeder von uns musste in seiner eigenen Kunst seinen eigenen Weg finden. Walter Raum sagte mir damals, er könne und wolle der ganzen Last seiner Erinnerungen nicht ausweichen. Und nur beim Malen könne er all diese Scheußlichkeiten verarbeiten, und Kunst mache ihn auch glücklich. Er sagte mir: „ Wenn ich male, dann bin ich!“, und er sagte auch, er male eigentlich gegen den Tod. Ich entgegnete ihm: „Ich male mit dem Tod!“. Es sei sinnlos, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, denn es gibt keine Antwort. Für mich galt und gilt, dass in der Natur nichts verloren geht, alles ist Energieumwandlung und damit ist für mich auch der Moment des Sterbens der spannendste Augenblick des Lebens, des ganzen Lebens!

 

Diese Aussagen waren oft der Zündstoff für stundenlange Diskussionen. Entweder in seinem oder in meinem Atelier oder auch beim Wandern. Ich erinnere mich noch sehr sehr gut: wir waren unterwegs um den halben Walchensee und gut zwei Stunden hatte er ununterbrochen geredet ohne Punkt und Komma. Und 95 Prozent davon war der Krieg. Ich erinnere mich auch, wie er sagte, unzählige Male musste er das hören von Sammlern und Leuten, die seine Bilder betrachteten: „ Die Welt ist grausam, ich muss den ganzen Tag arbeiten und wenn ich abends nach Hause komme, dann möchte ich meine Ruhe haben! Und da passen Ihre Werke nicht mehr.“

 

 

Aber was machen diese Leute, die das sagen? Die setzen sich am Abend auf das Sofa vor den Fernseher, hören die Nachrichten, die Grausamkeiten der ganzen Welt und wenn möglich, packen sie noch hinterher einen Krimi drauf.

 

Und da ist dann der entscheidende Punkt von der Kunst des Walter Raum. Jeder spürt instinktiv die Authentizität, die Ehrlichkeit, das Erlebnis. Und ich weiß nicht, ob all diese Leute dann nicht merken, dass die politischen Nachrichten ja immer manipuliert sind und ganz gleich, was sie sehen, immer aus zweiter Hand ist. Es hieß dann, Walter Raum wurde im Alter ruhiger. Das stimmt aber nicht! Er wurde sogar noch radikaler und zog sich ganz in sein Atelier zurück. Er suchte die totale Einsamkeit, die völlige Konzentration auf sein Werk. Er spürte natürlich auch, wie die Physis allmählich wegbrach. Trotzdem entstanden die großartigen Materialbilder, das waren riesige Formate, die er ganz auf sich bezogen bis zu seinem Lebensende malte. Walter Raum war im Grunde eine stille, ernste und große Persönlichkeit. Er war hart zu sich selbst und unbeugsam bis zu seinem Tod. Ja, ich bin stolz, heute hier zu stehen, um an ihn zu erinnern. Zum Schluß möchte ich Ihnen das von seinem Sohn herausgebrachte Buch „Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür und Walter Raum, Wund-Bilder“ empfehlen, das in Wort und Bild die besondere Beziehung Walter Raums zu Wolfgang Borchert sichtbar macht. Dieses Buch zeigt ein höchst spanendes Aufeinandertreffen von Bild und Wort. E liegt in der Ausstellung zum Verkauf aus.

 

 

 

Ich danke Ihnen.

 

 

 

Eruption als Ende der Sprachlosigkeit

 

 

 

Wund-Bilder des Malers Walter Raum endlich in seinem Heimatort zu sehen- Einführung von Professor Werner Knaupp

 

 

 

40 Jahre der Sprachlosigkeit über die im zweiten Weltkrieg erlittenen Schrecken – dann entluden sich die Eindrücke des erfolgreichen Malers Walter Raum (1923 bis 2009) in den 1980er Jahren im Werkzyklus der „Wund-Bilder“. In nur einem Jahr entstanden 100 Gemälde, die dem Gestalt verliehen, was Walter Raum in Worte nicht fassen konnte oder wollte. Die „Wund-Bilder“ sind düster, Kohle und schwarze Farbe verdichten sich zu hoch aufragenden Torsi oder Körperteilen, aus denen in kraftvollem Rot Blut quillt, Symbol des Leidens wie des Lebens gleichermaßen. Die Wund-Bilder des Malers, der bereits 1958 auf der Biennale in Venedig ausgestellt hatte, waren 2019 in München nahe seiner späteren Heimat zu sehen. Nun reisen sie nach Hersbruck, der Geburtsstadt des Informel-Künstlers. Im Kunstmuseum Hersbruck sind sie von 1. Oktober bis 14. Februar zu sehen. Zur Eröffnung am 1. Oktober um 19 Uhr spricht der Maler Werner Knaupp, der sich in seinem Werk ebenfalls mit menschlichen Grenzsituationen auseinander gesetzt hat. Ebenfalls zu sehen und erwerben ist die 2018 neu aufgelegte Version von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ mit Raums Gemälden.

 

 

 

Die Vernissage findet unter Corona-Auflagen im Freien vor dem Museum in der Amberger Straße 2 in Hersbruck statt.

 

 

 

AUSSTELLUNG vom 01.10. – 20.12.2020 und nach der Winterpause vom 13.01. – 14.02.2021

 

GEÖFFNET MI, DO, FR, SA 15 – 18 Uhr und SO 14 – 18 Uhr // Wegen möglicher kurzfristiger Änderungen vergewissern Sie sich bitte vor Ihrem Besuch auf unserer Homepage!

 

 

 

 

 

 

Der Kunstspaziergang war ein voller Erfolg- hier noch ein paar Fotos

In den Kurzmeldungen der Frankenschau wird der Hersbrucker Kunstspaziergang gegen Ende kurz erwähnt!

https://www.br.de/mediathek/video/franken-kompakt-die-meldungen-vom-6-august-av:5f2c4283232143001429160a


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